Münchener Bachchor
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Konzertkritiken
Das Stück und sein Mythos
„…bei Albrecht spiegelte alles Räumliche auch inneren Sinn, Struktur: Jesus als singulärer Quell des Ganzen im Zentrum, der Evangelist als sein Bote ihm vorgelagert; die Continuo-Gruppe als Fundament, Pulsgeber der Musik vorn in der Mitte; der (differenziert rollenspielende) Münchener Bach-Chor in strenge Zweichörigkeit geschieden durch den gemischten Kinderchor. … Die einzige „romantische" Geste Albrechts war atemberaubend: Alles hatte hingezielt auf das zentrale „Aber Jesus schrie abermal laut und verschied". Danach eine laaange Pause, dann „Wenn ich einmal soll scheiden" a capella. Da stand dieser Tod nackt und, für Sekunden, im Wortsinn gnaden-los im Raum. Das war im vollen Gewicht der Karfreitagsgedanke des gestorbenen Menschen, nicht des auferstandenen Jesus. Nach Albrechts Aufführung war man sprachlos, denn ihr ging es um innere Wahrheit.“ (Thomas Willmann, Münchner Merkur, 06.04.2010)
Packende Tragödie
Die Matthäuspassion mit dem Münchener Bach-Chor
„Die Aufführung der Matthäuspassion am Nachmittag des Karfreitags ist ja wesentlich eine säkularisierte Form der zeitgleichen Gottesdienste. Und im Falle des Münchener Bach-Chors selbst schon eine mächtige Tradition. Steht Hansjörg Albrecht am Pult, versteht man unmittelbar, warum. Konsequent deutet er die Passion vom biblischen Text her, als dessen Vergegenwärtigung und Erneuerung im Hier und Jetzt.
Mit geteiltem Chor wie Orchester, dem Bach Collegium München, setzt Albrecht die Doppelchörigkeit radikal um: Während die Chöre als Handlungsträger zupackend direkt agieren, erscheinen die gemeinsamen Choräle durch den mitsingenden Jugendchor klanglich neutralisiert, spiegeln auch altersmäßig eine Gemeinde. Der Dirigent, selbst am-Cembalo, verschmilzt schon optisch zur Einheit mit dem dort postierten Evangelisten. Und findet in Daniel Johannsen eine großartige Stimme seiner selbst: Jedes Wort mit Bedeutung füllend, ist Johannsen der seltene Fall eines Tenors, bei dem Leichtigkeit nicht mangelnde Kraft, sondern wirklich Timbre ist.
Ansonsten aber beglückt und berührt diese Matthäuspassion wie kaum eine zuvor. Über dreieinhalb Stunden hinweg entwickelt Albrecht einen nahezu visionären, stets noch flexiblen Zeitverlauf: Nach einem grandios zügigen ersten Teil verlangsamt er den zweiten zunehmend unerbittlich. Albrecht begreift Passion als Tragödie. Als gebe es kein Morgen mehr, keine Auferstehung.
Vom Münchener Bach-Chor aber wünscht man sich noch viele solcher Nachmittage.“ (Michael Stallknecht, Süddeutsche Zeitung, 06.04.2010)
Die andere Moderne
Enjott Schneiders Mozart-Derivate in der Philharmonie
„…Immerhin war das einleitende Mozart-Kyrie, KV 341, ein gelungenes Vorspiel zu Schneiders „At the edge of time - Reflections on Mozart's Requiem". Der Münchener Bach-Chor unter einem höchst inspirierten Hansjörg Albrecht ließ seine Potenzen schon ahnen. Noch intimer wurde es zwischen Schneider und Mozart mit einem Kyrie für Chor und zwei Bassetthörner als direkte „Einleitung" zum attacca folgenden Requiem Mozarts. Es passte gut - aber verflüchtigte sich schnell hinter dem Original. Das bestens abgestimmte Solistenteam (mit Simone Nold, Sopran, Anne-Carolyn Schlüter, Alt, und den Einspringern Bassbariton David Jerusalem und Tenor Ulrich Cordes) strahlte, aber ein großartiger Bach-Chor, furios im Forte, sensibel im Piano und präzise im Fugato zeigte, wer die dritte Hauptperson des Abends war.…“ (Klaus P. Richter, Süddeutsche Zeitung, 18.03.2010)
„Tal & Groethuysen versuchen gar nicht erst, Orchesterfarben zu imitieren, sondern musizieren so ernsthaft vom Klavierklang her, so wunderbar kammermusikalisch, wie sie zuvor schon Schuberts späte f-Moll-Fantasie auf feinste Kontraste ausgehört hatten. … Im Münchener Bach-Chor stehen die souverän ausgehörten Einzelstimmen in bester Balance. Hansjörg Albrecht dirigiert detailliert an Text und Partitur, arbeitet die Umbrüche in Tempo und Klangstärke dramatisch heraus. Chen Reiss fügt die Sopranarie mit betörender Süße ein …“ (Michael Stallknecht, Süddeutsche Zeitung, 04.02.2010)
Wege zur Erlösung
„…Ganz unabhängig von der Fassung sorgte Hansjörg Albrecht für eine sehr menschliche, intime, konzentrierte Darstellung des Werks. Der Trost, von dem es sprach, war kein überirdischer, war ein ganz realistisch zuversichtlicher. Da wirkten die guten Solisten Chen Reiss und Konstantin Wolff fast wie Fremdkörper, weil ihrer stimmschönen, detaillierten Gestaltung Theatrales anhaftete. Am eindringlichsten sprach dieses Requiem von der unumkehrbaren Vergänglichkeit: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras" stand, auch dank Babette Haags hochdifferenziertem Paukenspiel, in flüsternder wie donnernder Gestalt eher drohend da. Der schönste Lohn für all das war das lange Schweigen, bevor der Applaus im Prinzregententheater losbrach.“ (Thomas Willmann, Münchner Merkur, 03.02.2010)
O du selige
Das Weihnachtsoratorium mit dem Münchener Bach-Chor
„Jedes Jahr aufs Neue spannend und berührend, manchmal gar aufregend und beglückend ist es, wenn Bach-Chor und Bach Collegium München unter Leitung von Hansjörg Albrecht das "Weihnachtsoratorium" ihres Namenspatrons in der Philharmonie aufführen. Kein Wunder, dass es für den ebenso streng wie impulsiv vom Cembalo aus Dirigierenden selbstverständlich ist, alle sechs Teile des Werks zu verbinden …. Die Sorgfalt, die er auf Wortverständlichkeit, Durchhörbarkeit und Phrasierung in den großen Chören wie auch auf die genaue Ausdeutung in den Chorälen, Rezitativen und Arien legt, zeugt von einer tiefgehenden fortdauernden Auseinandersetzung mit diesem Werkkomplex.“ (Klaus Kalchschmid, Süddeutsche Zeitung, 24.12.2009)
Der Barock Cineast
Hansjörg Albrecht und der Münchener Bach-Chor
„Es sind eben diese magischen Momente, die Hansjörg Albrechts Bach-Interpretation ausmachen. Zum Glück gibt es diese Momente pro Kantate des Weihnachtsoratoriums im Dutzend. … Diese verschworene Truppe (Anmerk.d.Red.: Münchener Bach-Chor und Bach Collegium München) verbindet Leidenschaft und Freude am Musizieren - und der Wille, den sechs Kantaten ganz individuelle Gesichter bei reichlich Durchblutung zu geben. …. eine so inspirierte wie inspirierende Aufführung.“ (Matthias Bieber, Münchner Merkur, 22.12.2009)
Musikalische Männerfreundschaft
Weihnachtsoratorium: Albrecht begeistert mit dem Münchener Bach-Chor und mitgerissenen Musikern
„Tausend Mal gehört? Wie macht man es, dass noch etwas passiert beim Publikum? Bach-Chor-Leiter Hansjörg Albrecht versucht es auch dadurch, dass er - statt nur die festlich-pompösen und pastoralen ersten drei - alle sechs Teile spielt. So bekommt die Weihnachtsgeschichte noch echte Dramatik mit einem „falschen Herodes", der den Kindermord vorbereitet. … Um diese allumfassende Geschichte zu erzählen, wählte Albrecht ein wunderbar dynamisches Erzähltempo. …. Da wird man Zeuge einer begeisterten musikalischen Männerfreundschaft, in die sich Trompeter Hannes Läubin klar, lässig jazz-wild einreiht. Nicht engelsgleich weich, sondern bestimmt der Sopran von Lisa Larsson, fantastisch schlank erzählerisch der Bariton von Stephan Genz und sanft der Alt der Einspringerin Anne-Carolyn Schlüter.“ (Adrian Prechtl, Abendzeitung, 22.12.2009)
Südliche Hitze
Verdis Requiem mit zwei Chören unter Hansjörg Albrecht in der Philharmonie
„… Hansjörg Albrecht gelang eine hitzige Aufführung dieses wahrlich nicht einfachen Werks. Der erste Einsatz des Chors dämmerte mystisch, doch bald ging Albrecht ohne falschen Weihrauch und pietistische Kargheit mit opernhafter Dramatik wie ein katholisch Getaufter zur Sache…. Die üblicherweise mit ehernen Stimmen besetzte Basspartie übernahm der eher lyrische und hell timbrierte Bariton Michael Volle. Aber seine Sicht als eher distanziert-mitleidendes Individuum sprach zum Herzen. … Der Münchener Bach-Chor und der Carl-Philipp-Emanuel Bach-Chor aus Hamburg verschmolzen zu einer schlank-wendigen Einheit, als würden sie alle Tage zusammen singen. Auch das Bach Collegium aus Mitgliedern der Münchner Groß-Orchester machte Verdi alle Ehre. Dies alles hob Albrechts Aufführung in höhere Sphären.“ (Robert Braunmüller, Abendzeitung, 24.11.2009)
Glanz und Innerlichkeit
Verdis Requiem mit dem Münchener Bach-Chor
„… Dazwischen kostete Hansjörg Albrecht am Totensonntag in der Philharmonie die Extreme der Partitur von archaischer Totenmessenliturgie bis hitziger Orchestertheatralik aus. Das glänzende Bach Collegium München und ein hochkarätiges Solistenquartett waren genau auf seiner Linie: Dimitra Theodossiou (Sopran), Rene Morlock (Alt), der leidenschaftliche Bariton von Michael Volle und der brasilianische Tenor Fernando Portari, der schon vor einem Jahr in Wolff-Ferraris „Sulaniite" begeisterte. Der Münchener Bach-Chor war durch den Carl-Philipp-Emanuel Bach-Chor aus Hamburg auf über 120 Stimmen verstärkt worden und lieferte, besonders ausdrucksvoll in der Sopran- und Altriege, die gewaltige Tutti-Kulisse des Totendramas.“ (Klaus P. Richter, Süddeutsche Zeitung, 24.11.2009)
Verdis Requiem beim Chortreffen in der Musikhalle
„… So begann die Aufführung mit dem durch den Münchener Bach-Chor verstärkten Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor und den Lübecker Philharmonikern auch vielversprechend in wunderbarem Pianissimo wie aus dem tonalen Nichts. …Gelungen war der Kontrast zu den klanggewaltigen Abschnitten der Partitur, auch das Orchester kehrte immer wieder zu einer mahnenden Intensität des Piano-Musizierens zurück.“ (Julian Hofer, Die Welt 16.11.2009)
Hochtourig
Ein gelungener Saisonauftakt von Bach-Chor und Bach-Collegium
„…Mit Chor und Solisten aber gestaltete Albrecht die verschiedenen Ebenen von Haydns spätem Werk zwischen Aufklärungs-Ethos, barocker Rhetorik und dem frischen Atem der Wiener Klassik. Auch das Pathos der englischen Händel-Tradition, die Haydn auf seinen Englandtourneen so beeindruckt hatte, fehlte nicht. Im Chor „Stimmt an die Saiten" ließ es Albrecht auftosen, im Terzett „Dem kommenden Tag" stahl das Chorforte den Solisten fast die Töne. Aber in „Verzweiflung, Wut und Schrecken" zeigte sich auch, wie gut der Stimmkultur das Training mit einem breiten stilistischen Repertoire tut. ... Ein gelungener Saisonauftakt.“ (Klaus P. Richter, Süddeutsche Zeitung, 20.10.2009)
Paradies ohne Jubelgetöse
Der Münchener Bach-Chor mit Haydns „Schöpfung“
„… Mit einer lebendigen Aufführung der „Schöpfung" leistete er (Anmerk.d.Redak. der Münchener Bach-Chor) am Sonntag, im gut besuchten Herkulessaal seinen Tribut- zum Haydn-Jahr. Unter Hansjörg Albrechts Leitung sang der Chor seinen Part nicht nur klangsensibel, sondern mit einer angenehmen Leichtigkeit und Flexibilität. Nichts wirkte dramatisch überreizt, keine Biederkeit machte sich breit, kein übersteuertes Jubelgetöse störte. Natürlich und mühelos fügten sich die gut ausbalancierten Stimmen in den exakt einstudierten Fugen zueinander. Dabei setzte Albrecht auf flottes Tempo bei „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ und ging „Vollendet ist das große Werk“ beinahe spritzig an….“ (Gabriele Luster, Münchner Merkur, 20.10.2009)
Freundschaft vor "Sohnespflicht"
Händels Oratorium "Saul" begeistert Publikum im Brixener Dom
„In der genialen Verbindung von Kirchenmusik, Oper und Konzert - das zeigt sich auch heute, 250 Jahre nach dem Tod von Georg Friedrich Händel - besteht die großartige Wirkung seiner Oratorien. Der Münchener Bach-Chor und das Bach Collegium München unter der Leitung von Hansjörg Albrecht machen es in der Aufführung des Oratoriums "Saul" im Brixener Dom einmal mehr deutlich. ... Mit energischen Gesten spornt Dirigent Hansjörg Albrecht die Musiker und Sänger zu Höchstleistungen an. Vor allem der Münchener Bach Chor bedarf seiner, um dem englischen Originaltext markante Akzente zu entlocken. Dabei wirken die Sänger im Vergleich mit den Musikern und Solisten etwas träge und unklar, wenngleich sie an der hervorragenden Gesamtwirkung entscheidenden Anteil haben. ... Die Musiker beteiligen sich gekonnt an der Wirkung des dramatischen Geschehens und geben in den rein instrumentalen Sinfonien Kostproben ihrer Virtuosität.“ (Markus Laimer, Dolomiten Zeitung 03.08.2009)