Karl Richter, Gründer und Künstlerischer Leiter
von 1954 bis 1981 - er machte München zu einer Bach-Stadt
Ein Konzert unter seiner Leitung hatte ich damals vermutlich noch
nicht gehört. Seinen Namen kannte ich von meinen Eltern, die ihn
noch in Leipzig als Organisten erlebt hatten und gern in seine Münchner
Konzerte gingen. Dann der Sommer 1958: Herkulessaal der Residenz in
München, auf dem Podium ein großes Orchester, ein großer
Chor, viele Mikrophone und ein Dirigentenstuhl mit einem gotisch geformten
Rücken. Darauf saß ein korrekt gekleideter junger Mann,
der in deutlich sächsischem Tonfall mit Chor und Orchester sprach
und viel mit dem Aufnahmeleiter telefonierte. Karl Richter nahm mit
seinem Ensemble, bestehend aus dem Münchener Bach-Chor, dem Münchener
Bach-Orchester und bekannten Solisten zum ersten Mal die Matthäus-Passion
auf. Ich durfte als Münchner Chorbub den Cantus firmus im Eingangschor
und im Schlußchor des 1.Teils mitsingen und war sehr aufgeregt.
Richter arbeitete streng, konzentriert, half uns Kindern aber sehr
geduldig bei den Einsätzen. Diese Aufnahme der legendären
Archiv Produktion ist immer noch im Katalog, sie zeigt Richters dramatisch-spontane
Musizierweise. Der Bach-Chor klingt sehr jugendlich. Es war Karl Richters
erstes großes Projekt mit der Deutschen Grammophon, dem viele
bis heute wichtige Aufnahmen folgten (zuletzt im Sommer 1979 eine zweite
Einspielung der Matthäus-Passion). Davor hatten Richter und sein
Chor (noch als Heinrich-Schütz-Kreis) die Musikalischen Exequien
von Heinrich Schütz aufgenommen und für Teldec (schon als
Münchener Bach-Chor) Kantaten und das Weihnachtsoratorium von
Bach.
Karl Richter, 1926 als Sohn eines Pfarrers in Plauen im Vogtland
geboren, wurde 1938 Kreuzschüler und Mitglied des Kreuzchors in Dresden,
dann in Dresden und später in Leipzig als Musiker geprägt
von Rudolf Mauersberger, Karl Straube und Günther Ramin. Peter
Schreier hat ihn 1946 als Präfekten und Mauersberger-Assistenten
erlebt und schrieb 1981 in einem Plattentext über ihn: „Mit
jedem Werk befaßte er sich damals schon so intensiv, daß er
es grundsätzlich auswendig spielte oder dirigierte…Und
er spielte eben nicht schlechthin, sondern er machte Bachs Musik zum
Erlebnis. Wir alle spürten damals schon, was für ein großer
Musiker hier heranwuchs.“
Sehr jung wird Richter in Leipzig Organist
an der Thomaskirche. 1951 kommt er nach München, wird Dozent (ab
1956 Professor) an der Musikhochschule, Organist und Kantor an St.
Markus und übernimmt
von Michael Schneider den dort heimischen Heinrich-Schütz-Kreis.
Im Mai 1954 nennt sich dieser Chor auf Vorschlag seines Leiters zum
ersten Mal Münchener Bach-Chor.
Es begann eine gemeinsame Erfolgsgeschichte,
ob bei der Bach-Woche in Ansbach (1956 bis 1964), durch Schallplatten-
und Fernsehproduktionen, durch Konzertreisen (Italien, Österreich,
Schweiz, England, Finnland, Griechenland, USA, Kanada, Sowjetunion,
Japan) und durch die ungezählten
Konzerte in München. St. Markus, wo regelmäßig Abendmusiken
stattfanden, bei denen Karl Richter auch große Orgelwerke spielte
und an der Orgel improvisierte, wurde für die großen Konzerte
bald zu klein. Der Herkulessaal und vor allem der Kongreßsaal
des Deutschen Museums dienten mangels einer geeigneten Konzertkirche
deshalb als Aufführungsorte. Dahin kam ein großes Publikum,
Menschen, die Karl Richter, von vielen salopp auch „Münchens
Bach-Papst“ genannt, mit der Zeit zu Bach-Hörern „erzogen“ hatte.
Viele Jahre waren die Konzerte regelmäßig ausverkauft. Der äußerst
beliebte erste Teil des Weihnachtsoratoriums wurde häufig an zwei
Abenden hintereinander aufgeführt.
Als mich Anfang 1963 ein Freund
fragte, ob ich nicht in den Bach-Chor kommen wolle, ging ich mit ziemlichem
Lampenfieber zu einer Probe der Johannes-Passion in die Musikhochschule.
Das Aufnahmeritual war kurz: Ich mußte einen Choral singen, das
Gehör wurde mit einigen
einfachen Intervallen geprüft; am Ende fragte mich Karl Richter,
ob ich einen Schwarzen Anzug besitze. Damit war es überstanden.
Ich war Mitglied in einem damals schon berühmten Chor. Zwei Proben
in der Woche, viele Konzerte, mehr und mehr Termine für Plattenaufnahmen,
mehrwöchige Reisen – der Zeitaufwand war immens. Aber: Die
Identifikation der Chormitglieder mit dem Chor und dessen Leiter war
extrem hoch, das Charisma Karl Richters unwiderstehlich. Das ließ uns
manche psychische und physische Anspannung vergessen. Richter motivierte
uns über seine Art des Musizierens. Musikalische Zusammenhänge
wurden mit wenigen Worten angedeutet oder am Klavier demonstriert.
Kritik an Konzerten äußerte er fast nie, Kritik an der Probenarbeit
oder an einzelnen Chormitgliedern kam knapp, manchmal durchaus scharf.
Aber Richter konnte eine angespannte Probensituation auch mit einer
trockenen Bemerkung („Hat sich jemand verletzt?“ / „Singen
Sie aus der Abendzeitung?“) auflockern.
In meiner Erinnerung
war Karl Richter ein Konzert-Musiker, der oft spontan anders musizierte,
als er geprobt hatte. Das erforderte höchste
Konzentration bei allen Beteiligten. Ging es um Platten- oder Fernsehaufnahmen,
so wirkte Richter - jedenfalls ist das mein Eindruck - häufig
eher unbeteiligt, fast in sich gekehrt. Den aufkommenden Trend zur
Historischen Aufführungspraxis nahm er zur Kenntnis, ließ sich
offensichtlich davon jedoch nicht beeinflussen. Es ist müßig,
darüber zu spekulieren, wie und mit welcher Orchesterbesetzung
er heute die Matthäuspassion aufführen würde.
Bach,
Händel, auch Schütz standen im Zentrum seiner Arbeit.
Die großen Chorwerke von Haydn, Mozart, Beethoven, Mendelssohn,
Brahms, Bruckner, Dvorak und Verdi lagen ihm dennoch am Herzen, er
dirigierte auch Sinfonien aus Klassik und Romantik oder Opern von Gluck
und Wagner. Gut 90 Mal hat er mit dem Chor Bach Messe in h-Moll aufgeführt.
Das klingt nach Routine. Für den Chor und für die Zuhörer – und
das kennzeichnet den Musiker Karl Richter aus meiner Sicht mit am besten – war
das jedesmal wieder aufregend und voller musikalischer Erlebnisse.
In
den 30 Jahren, in denen er den Bach-Chor und dessen Vorläufer
leitete, gab es natürlich auch Krisen, Verstimmungen, Schwankungen
im Niveau. Doch gerade in den letzten Jahren engagierte sich Karl Richter
wieder verstärkt für seinen Chor, nahm dann kurz vor seinem
Tod die Mühen eines Vorsingens für die geplante Japan-Reise
1981 auf sich. Er starb am 15. Februar 1981 in einem Münchner
Hotel. Die Chormitglieder, für die der Bach-Chor „ein Lebensthema“ war,
konnten es nicht fassen. Für uns galt ja vor allem, was Joachim
Kaiser in seinem Nachruf vom 17. Februar in der „Süddeutschen
Zeitung“ geschrieben hatte: „Richters Kunst hat unser
aller Leben bereichert.“ Wie würde es weitergehen? Konnte
der Chor ohne Karl Richter überleben. Schon das erste große
Konzert danach, die Johannes-Passion, die Ekkehard Tietze leitete,
auch das Gedenkkonzert unter Leonard Bernstein, oder die anschließende
Japan-Reise mit Günter Jena waren Signale für die Zukunft.
Für den Chor war es im Februar 1981 ein Glücksfalls, daß ein
Freund Karl Richters aus Leipziger Zeiten schon seit 1979 immer wieder
Proben und auch Kirchenmusiken betreut hatte. Ekkehard Tietze (1914-1995)
hatte nach Günther Ramins Tod für einige Zeit den Thomanerchor
geleitet, war dann lange Kirchenmusiker in Potsdam gewesen. 1979 konnte
er nach München übersiedeln. Nun, ab Februar 1981, half er
dem Bach-Chor in der Not, leitete viele Proben, dirigierte Konzerte,
war ein kritischer Zuhörer bei Konzerten mit Bewerbern und beriet
den Chor intensiv bei der schwierigen Suche nach einem neuen Künstlerischen
Leiter. Daß diese Suche erst Ende 1984 zum Erfolg führen
würde und daß er noch bis Mitte 1985 als kommissarischer
Chorleiter gebraucht werden würde, das hätte sich Ekkehard
Tietze bestimmt nicht träumen lassen. Unsere Entscheidung, Hanns-Martin
Schneidt zu wählen, sah er sehr positiv, denn er war davon überzeugt,
daß der Chor unbedingt einen vielseitigen Musiker und einen mit
breiter Erfahrung im Umgang mit Chor und Orchester brauche. |