Im Mai 2004 hat der Münchener Bach-Chor sein 50-jähriges
Gründungsjubiläum gefeiert. Ein halbes Jahrhundert lang zählt
der Chor nun zu den führenden Chorvereinigungen Deutschlands;
er kann auf glanzvolle Phasen ebenso zurückblicken wie auf schwierige
Jahre seiner Existenz. Die Geschichte des Münchener Bach-Chores
ist mit derjenigen der protestantischen Kirchenmusiktradition in Deutschland
untrennbar verbunden. Dabei kann seine Entwicklung aber nie losgelöst
von gesellschaftlichen und manchmal auch politischen Gegebenheiten
der jeweiligen Epoche gesehen werden, ebenso wie sich in der ganz individuellen
Entwicklung des Ensembles von Anfang an und in immer stärkerem
Maß bis heute die zentralen Fragen sich verändernder Musizierpraxis
und Musikrezeption seit dem Zweiten Weltkrieg widerspiegeln.
Die Anfänge
1951 übernahm der junge Dirigent und Organist Karl Richter einen
Lehrauftrag an der Münchner Hochschule für Musik und gleichzeitig
die Kantorenstelle an der evangelischen Kirche St. Markus. Mit der
Position als Kantor war die Leitung des Heinrich-Schütz-Kreises
verbunden, einer Chorvereinigung, die sich bereits unter Richters Vorgänger,
Professor Michael Schneider, intensiv besonders der Pflege des Werkes
von Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach gewidmet hatte.
Karl Richter, 1926 als viertes Kind einer Pfarrersfamilie in Plauen/Vogtland
geboren, war 1938 in den Dresdner Kreuzchor aufgenommen worden. Noch
während seiner Schulzeit war er als außergewöhnlich
begabter Organist aufgefallen und hatte Unterricht bei Karl Straube
am Kirchenmusikalischen Institut des Konservatoriums in Leipzig erhalten.
Nach einer zweijährigen Unterbrechung durch Einberufung und Kriegsgefangenschaft
(1943-45) konnte er seine Studien in Leipzig bei Straube und später
Günther Ramin fortsetzen. Nach dem Staatsexamen wurde dem erst
23-jährigen Richter 1949 das Amt des Organisten an St. Thomas
zu Leipzig übertragen.
Die Übersiedelung Richters von Leipzig nach München 1951
war der Anfangspunkt einer beispiellosen Weltkarriere. Dem jungen Musiker,
der sich von Beginn an zum Ziel gesetzt hatte, sich in Süddeutschland
einen eigenen Wirkungskreis nach dem Vorbild der großen sächsisch-protestantischen
Musiktradition zu schaffen, gelang es, den Heinrich-Schütz-Kreis
schnell für seine Arbeit zu begeistern. In kürzester Zeit
erfuhr das Ensemble regen Zulauf von begeisterten jungen Laiensängern
und damit eine entscheidende Steigerung der künstlerischen Qualität.
Im katholisch geprägten München stieß Karl Richter
mit seinen Ambitionen in ein Vakuum: Auch wenn es jährliche Aufführungen
der „Matthäus-Passion“ am Karfreitag schon seit langem
gegeben hatte, waren doch weite Teile des Bachschen Werks, insbesondere
die Motetten und Kantaten, dem Publikum nahezu unbekannt. Richter setzte
von Anfang an Akzente in der Programmgestaltung. In
Zusammenarbeit mit dem evangelischen Dekan Theodor Heckel richtete
er 1952 die Münchner Abendmusiken ein: Einmal monatlich, jeweils
am letzten Freitag, erklangen geistliche Werke für Chor und Orgelmusik
in St. Markus. Das Publikum erhielt zu diesen Veranstaltungen freien
Eintritt, lediglich der Kauf eines Programms für wenige Pfennige
war Pflicht. Das Programmheft zur ersten Abendmusik benennt bereits
deutlich einige der Programmschwerpunkte, die für den Münchener
Bach-Chor über Jahrzehnte maßgeblich waren und dies großteils
auch bis heute geblieben sind: Heinrich Schütz und Johann Sebastian
Bach, auch Georg Friedrich Händel standen im Zentrum der Arbeit,
aber auch frühe Werke der Kirchenmusik und die großen Komponisten
der Klassik und der Romantik (etwa Johannes Brahms, Anton Bruckner
und Max Reger) und des 20. Jahrhunderts wurden erarbeitet. Außerhalb
dieser regelmäßigen Abendmusiken führten Karl Richter
und der Chor mit der „Messe in h-Moll“ und der „Johannes-Passion“ bereits
1952 große Bachsche Werke auf.
Der Erfolg der neuen Veranstaltungen in St. Markus war überwältigend.
Ein durch die Entbehrungsjahre des Krieges und der ersten Zeit des
Wiederaufbaus kulturell regelrecht „ausgehungertes“ Publikum
entdeckte die Welt eines Johann Sebastian Bach und war fasziniert von
dem jungen Laienensemble, das mit bedingungslosem Einsatz seinem Leiter
folgte. Schon im ersten Jahr war die Kirche am Freitagabend oft völlig überfüllt.
1954 schließlich konnten die Abendmusiken um einen wichtigen
Bereich erweitert werden: In 14-tägigem Rhythmus wechselten sich
nun Motetten- und Kantatenaufführungen ab. In dieses Jahr fällt
auch die eigentliche Gründung des Münchener Bach-Chores.
Am Jahresanfang hatte sich noch der Heinrich-Schütz-Kreis präsentiert,
das Programm der Abendmusik vom 28. Mai 1954 weist das Ensemble erstmalig
als „Münchener Bach-Chor“ aus. Auch unter neuem Namen
blieb der Chor der Markuskirche verbunden, organisatorisch und rechtlich
aber war er von nun an ein eingetragener Verein.
Rasch nahm die Zahl
der Konzertverpflichtungen zu. Bereits das Jahresprogramm 1955, unter
dem Gesamtmotto „München bekennt sich zu Johann
Sebastian Bach“, weist die für heutige Verhältnisse
unvorstellbare Zahl von nahezu 30 Veranstaltungen des Bach-Chores aus,
außer den beiden Bachschen Passionen, der „Messe h-Moll“,
dem „Weihnachtsoratorium“ und dem Weihnachtsliederabend
fanden 9 Motettenabende, 9 Kantatenkonzerte (mit insgesamt 18 der Kirchenkantaten
Bachs), vier Orgelkonzerte und 3 Kammermusik-Abende statt.
Die quantitative
Ausdehnung der Programme brachte rasch auch eine Erweiterung des künstlerischen
Repertoires mit sich. Zwar bildete in den Anfangsjahren – wie
auch später – das Schaffen des Namenspatrons immer den Kern
der Arbeit des Münchener Bach-Chores, doch finden sich daneben
z.B. in den Jahren 1955 und 1956 auch etliche Werke alter Meister; überraschenderweise
liegt außerdem bereits zu diesem frühen Zeitpunkt ein deutlicher
Schwerpunkt auf der Musik des 20. Jahrhunderts mit Werken von Hugo
Distler, Ernst Pepping, Johann Nepomuk David, Zoltan Kodály
und Heinrich Kaminski. Auch außerhalb von München wurde
man nun auf Karl Richter und seinen Chor aufmerksam: Erste auswärtige
Verpflichtungen, zunächst innerhalb Bayerns, ergänzten das
Programm, außerdem produzierte Telefunken/Decca ab 1955 erste
Schallplatteneinspielungen mit Werken von Bach, Händel und Mozart.
Dabei wirkten bereits viele spätere ständige Mitglieder des
Münchener Bach-Orchesters mit, das zu diesem Zeitpunkt allerdings
noch den schlichten Titel „Ein Kammerorchester“ trug.
Erste Schritte zum Weltruhm: Die Bach-Woche Ansbach
Ab 1956 wurde Karl Richter als Solist und Dirigent regelmäßig
zur Bach-Woche Ansbach verpflichtet, die zunächst noch jährlich,
später im zweijährigen Turnus stattfand.
In der Abgeschiedenheit des Klosters Heilbronn, in dem Chor, Orchester,
Solisten und Dirigent zu einer mehrwöchigen Klausur zusammenfanden,
waren ideale Arbeitsbedingungen für das ganze Ensemble gegeben.
Fern von Terminzwängen und Alltagsgeschäften konnte man sich
in Ruhe der Vorbereitung der Konzerte widmen und notwendige Aufbau-
und Perfektionierungsarbeit leisten. Die Tagespläne des Chores
zeugen beispielsweise davon, daß in diesen Wochen für jede
Stimmgattung täglich mindestens eine halbe Stunde Stimmbildung
vorgesehen war. Über viele Jahre hinweg betreute Professor Hanno
Blaschke (Musikhochschule München) die Sängerinnen und Sänger
als Stimmbildner.
Ansbach machte den Chor endgültig zu einer verschworenen Gemeinschaft
und band auch viele Instumental- und Vokalsolisten dauerhaft in enger
Zusammenarbeit an Karl Richter. Für die Chorchronik sei auch vermerkt,
daß in dieser Zeit manch lebenslange Freundschaft zwischen Choristen
und Musikern geknüpft wurde und natürlich auch Raum für
gemeinsame Freizeitbeschäftigung war, wovon beispielsweise die
Bilder vom gemeinschaftlichen Fußballturnier zeugen.
Die kleine fränkische Stadt Ansbach wurde in jenen Jahren zum
Treffpunkt der Musiker-Elite aus der ganzen Welt. Dies sicherte dem
Bach-Fest regelmäßig die internationale Aufmerksamkeit des
Publikums und der Fachwelt. Bis in die sechziger Jahre hinein blieben
Karl Richter und sein Chor die prägenden Interpreten. Am Rande
der Bach-Woche Ansbach kam es für den Chor allerdings auch zu
Begegnungen mit Persönlichkeiten, die erst viel später in
seiner Geschichte eine wichtige Rolle spielen würden: Ab 1961
konzertierte der spätere Künstlerische Leiter Hanns-Martin
Schneidt als Dirigent und Solist regelmäßig in Ansbach,
1964 saß Ekkehard Tietze, der Freund Richters aus der Leipziger
Zeit und spätere Interimsleiter des Chores, bei einer Aufführung
der „Matthäus-Passion“ an der Orgel.
Die fulminanten Erfolge des Chores in Ansbach, die u.a. durch Rundfunk-Übertragungen
dokumentiert wurden, machten ein internationales Publikum auf das Ensemble
aufmerksam. Erste Gastspieleinladungen ins Ausland folgten (1957, 1958
und 1959 jeweils nach Italien, 1962 nach Paris). Das Jahr 1958 markierte
außerdem den Beginn einer über zwanzig Jahre währenden
exklusiven Zusammenarbeit mit der Deutschen Grammophon Gesellschaft,
vor allem mit deren Archiv-Produktion.
Am Ende der ersten Dekade von Richters Wirken war München zur
zweiten Bach-Stadt in Deutschland geworden. Der Ruf des Münchener
Bach-Chores als eines einzigartigen jungen Ensembles begann sich in
alle Welt zu verbreiten: „Ohne zu ermüden, ohne der Lethargie
der Erfolgreichen anheim zu fallen, vollzog er eine Entwicklung, die
nichts Geringeres war als die Selbstentfaltung einer der wenigen Elementarbegabungen
unserer Gegenwart. 10 Jahre Karl Richter in München – das
bedeutet die Einbürgerung der besten Thomaskirchentradition in
unserer Stadt. Wo Richter wirkt, ist das beste Erbe Bachs, das Leipzig
der Motetten, Passionen und Orgelfugen!“ (aus einem Artikel von
R. Müller, 1962)
Auf dem Höhepunkt des Erfolgs: Der Münchener Bach-Chor
zwischen 1964 und 1980
Im Jahr 1964 begann mit einer dreiwöchigen Konzertreise nach
Italien eine ausgedehnte Reisetätigkeit des Münchener Bach-Chores.
Dem Wunsch der einladenden Veranstalter entsprechend, kamen dabei vorwiegend
die Werke Johann Sebastian Bachs zur Aufführung. Unter anderem
war der MBC in folgenden Ländern zu Gast:
| 1964 |
Italien |
| 1965 |
USA, Frankreich |
| 1966 |
Finnland, England |
| 1967 |
Österreich, Kanada, USA, Italien, Schweiz,
England |
| 1968 |
Sowjetunion |
| 1969 |
Japan |
| 1970 |
Sowjetunion |
| 1972 |
Griechenland, USA |
| 1973 |
England |
| 1974 |
Schweiz, Österreich |
| 1976 |
Frankreich |
| 1978 |
Jugoslawien |
| 1979 |
Frankreich, Spanien |
| 1980 |
Luxemburg |
Unabhängig von diesen großen Reiseprojekten begann in jener
Zeit die regelmäßige Zusammenarbeit mit namhaften Veranstaltern,
z. B. dem Großen Festspielhaus in Salzburg (jährlich zu
Weihnachten) und den Sommerkonzerten Ottobeuren (jährlich im Sommer).
Die regelmäßigen Konzertverpflichtungen in München
wurden selbstverständlich in vollem Umfang beibehalten, lediglich
die Abendmusiken konnten nicht mehr im gewohnten 14-tägigen Rhythmus
stattfinden.
Fragt man die Chormitglieder dieser Zeit nach diesen Glanzjahren in
der Geschichte des Bach-Chores, so wissen sie von den mitreißenden
Konzerterlebnissen zu berichten, von Empfängen in Botschaften,
vom nicht enden wollenden, begeisterten Applaus des Publikums, von
lustigen Begebenheiten am Rande der Konzerte. Vor allem aber erzählen
sie vom absoluten Einsatz jedes einzelnen Sängers für seine
Gemeinschaft und von der absoluten Hingabe an die Sache. Anders ist
auch kaum zu erklären, wie es möglich war, daß die
rund 130 Mitglieder dieses Laienensembles wie selbstverständlich
Familie und Beruf hintanstellten, bis zu 100 Abende im Jahr dem Chor
widmeten und jahrelang fast vollständig auf privaten Jahresurlaub
verzichteten.
Dabei waren die äußeren Umstände der Reisen nicht
immer mit heutigen Maßstäben zu vergleichen: Nach Süditalien
beispielsweise reisten Chor, Orchester, Solisten und Dirigent 30 Stunden
lang mit dem Sonderzug, und es wurde dennoch nicht als ungewöhnlich
empfunden, daß direkt nach der Ankunft spätabends vor Ort
noch eine Probe angesetzt war.
Jede Reise hatte ihre eigenen Erlebnisse und Höhepunkte – was
beispielsweise einen Laiensänger bewegt, wenn es ihm vergönnt
ist, in einer ausverkauften Carnegie-Hall in New York zu singen, kann
wohl im Rahmen einer solchen Chronik ohnehin nicht mit Worten erfaßt
werden. In allen Einzelheiten jedoch ist allen Beteiligten bis heute
die erste Reise in die damalige Sowjetunion im Gedächtnis. Die
Konzerte des Ensembles in Moskau und Leningrad (dem heutigen Sankt
Petersburg) im April 1968 waren im Rahmen eines auf höchster politischer
Ebene vereinbarten Kulturaustausches möglich geworden. Es war
die Zeit des Kalten Krieges, die Beziehungen zwischen beiden Ländern
waren angespannt, offizielle Aufführungen geistlicher Werke und
damit der Musik Bachs hatte es im atheistischen Russland seit Jahrzehnten
nicht mehr gegeben. Als die Musiker in der Lufthansa-Sondermaschine
nach Moskau saßen, konnten sie nicht ahnen, was sie bei den Konzerten
erwarten würde: Die Karten, obwohl zu horrenden Preisen angeboten,
waren innerhalb weniger Stunden restlos ausverkauft gewesen, und etliche
Besucher, die zum Teil von sehr weit her angereist waren, waren leer
ausgegangen. Der Andrang vor dem Tschaikowsky-Konservatorium war so
groß, daß die glücklichen Besitzer von Eintrittskarten
nicht weniger als 4 Polizeisperren passieren mußten, um in den
Saal zu gelangen. Am zweiten Abend schließlich durchbrachen die
Menschenmassen die Sperren. Über verborgene Gänge und über
das Dach versuchten sie, doch noch in den Saal zu gelangen. Die Chormitglieder
taten in dieser Situation das ihre: Sie verliehen schlicht ihre Konzertkleidung
und die Noten, um russischen Studenten, die dann als Chormitglieder
getarnt waren, den Zutritt zu ermöglichen. Diese saßen dann
während des Konzerts dichtgedrängt hinter dem Podium auf
dem Fußboden. Die Eindrücke dieser Reise waren überwältigend,
die Strapazen enorm – und dennoch beflügelte das Erlebte
den Chor ganz offensichtlich zu Höchstleistungen, wie es Kammersänger
Kieth Engen in einem Reisebericht für die Abendzeitung am 27./28.4.1968
formulierte: „Sie hatten allen Grund, müde zu sein – körperlich
und stimmlich, aber dann passierte eines dieser Wunder, das wir manchmal
auf dem Podium oder auf der Bühne erleben dürfen: Sie sangen
eine der schönsten h-Moll-Messen, die ich sie je habe singen hören.
Ich glaube, ich darf es auch im Namen meiner Solistenkollegen, des
großartigen Bach-Orchesters und Karl Richters aussprechen: Es
war eine Freude, an diesem Abend euer Partner zu sein!“
Seit 1964 hatte sich Karl Richter von den Bach-Woche Ansbach zurückgezogen;
statt dessen wurden in München eigene Bach-Feste geschaffen, in
denen er seine künstlerischen Vorstellungen besser verwirklichen
konnte, als es ihm im Ansbacher Rahmen möglich war. Diese Bach-Feste
wurden in den ersten Jahren jährlich veranstaltet und entwickelten
sich schnell zu Publikums-Magneten. Richter holte sich hochkarätige
Künstler aus aller Welt als Partner nach München, scheute
sich aber auch nicht, Interpreten und Ensembles zu präsentieren,
die eine seiner eigenen Musizierweise gänzlich entgegengesetzte
Interpretation bevorzugten. So führte Nikolaus Harnoncourt mit
seinem Concentus Musicus Wien bereits während des Bach-Festes
1971 Orchesterwerke von Johann Sebastian Bach auf historischen Instrumenten
auf, mit dem Cembalisten Gustav Leonhardt wurde im selben Jahr ein
zweiter Spezialist für historische Aufführungspraxis verpflichtet.
Man legte Wert auf Vielseitigkeit und eine große Bandbreite der
Aufführungen, nicht aber auf repräsentative Spielorte: Das
Bach-Fest 1976 fand zum Beispiel außer in der Markuskirche nur
in der Musikhochschule und in der Lukaskirche statt, auf die großen
Konzertsäle der Stadt wurde verzichtet.
Der
Münchener Bach-Chor als Repräsentant
des Medienzeitalters
Nachdem bereits Ende der fünfziger Jahre eine Reihe von Schallplatteneinspielungen
produziert worden waren, kam es in den sechziger und siebziger Jahren
zu einer wahren Flut von Aufnahmen für die Deutsche Grammophon
Gesellschaft, ab 1969 mit der vermehrten Bedeutung des Fernsehens auch
zu mehreren großen TV-Produktionen. Aufnahmen bedeuteten für
das Ensemble in der Regel mehrere Tage der Abwesenheit vom Dienst und
unbezahlten Urlaub, der durch die von den Produktionsfirmen ausgezahlten
Tagegelder nicht immer ausgeglichen werden konnte. Im Jahr 1969 war
die zeitliche Belastung der Chormitglieder schließlich ausgereizt,
wie der folgende Jahresplan zeigt:
Veranstaltungsplan 1969 (nur Konzerte und Aufnahmen, keine
Proben)
| 04. Januar |
„Weihnachtsoratorium“ Teil II |
| 19. Januar |
Gottesdienst in St. Markus |
| 30. Januar |
Kantatenkonzert |
| 09. Februar |
Gottesdienst in St. Markus |
| 11. Februar |
J. Haydn, „Die Jahreszeiten“ |
| 23. Februar |
Gottesdienst in St. Markus |
| 28. Februar |
G.
Verdi, „Messa da Requiem“ |
| 09. März |
Gottesdienst in St. Markus |
| 15. März |
J.S. Bach, „Johannes-Passion“ |
| 30. März |
J.S. Bach, „Matthäus-Passion“ |
| 09. April |
G.F. Händel, „Giulio Cesare“ (Aufnahme
für DG) |
23. April –
11. Mai |
Konzertreise nach Japan mit J.S. Bach, „Matthäus-Passion“ (3x), „Johannes-Passion“ (1x), „Messe
h-Moll“ (3x), Kantaten (Nr. 12,30,31,50,103, 147), „Magnificat“ |
| 30. Mai |
Motettenkonzert in St. Michael |
| 07. Juni |
Motettenkonzert in Schwetzingen |
| 15. Juni |
Gottesdienst in St. Markus |
21. Juni –
29. Juni |
Bach-Fest
in München mit Motetten, Kantaten (2x), „Johannes-Passion“
und „Messe
h-Moll“ |
| 06. Juli |
G.F. Händel, „Belsazar“ in
Ottobeuren |
09. Juli –
10. Juli |
Kantaten-Aufnahmen für DG |
| 13. Juli |
Gottesdienst in St. Markus |
| 27. Juli |
Kantatenkonzert (Nr. 21,55) |
05. August –
08. August |
L. v. Beethoven, „C-Dur-Messe“ (Aufnahme
für DG) |
19. September –
21. September |
J.S. Bach, „Messe h-Moll“ (Fernseh-Aufzeichnung
in Dießen) |
| 26. Oktober |
Gottesdienst in St. Markus |
| 27. Oktober |
G.F.
Händel, „Der Messias“ |
| 23. November |
Kantatenkonzert (140,20,95) |
| 28. November |
Motette
in St. Michael |
| 10. Dezember |
„Weihnachtsoratorium“ Teil I |
| 11. Dezember |
„Weihnachtsoratorium“ Teil II |
| 13. Dezember |
„Weihnachtsoratorium“ Teil I+II
in Salzburg |
| 20. Dezember |
Weihnachtsliederabend |
Von etwa Mitte der siebziger Jahre an nahm der Umfang der Verpflichtungen
für den Chor ab. Dies hatte einerseits interne Gründe: Alle
bedeutenden Werke von Johann Sebastian Bach und wichtige Werke von
etlichen anderen Komponisten wie W.A. Mozart, L. v. Beethoven, Chr.
W. Gluck oder G. F. Händel lagen bereits als Schallplatteneinspielungen
vor; bis zu diesem Zeitpunkt waren außerdem insgesamt etwa 80
der geistlichen Kantaten Bachs für die Deutsche Grammophon aufgenommen
worden. Andererseits wirkte sich die mit der Ölkrise beginnende
wirtschaftliche Rezession auch auf den Kulturbetrieb aus: In- und ausländische
Veranstalter sahen sich nicht mehr ohne weiteres in der Lage, Reisekosten
für ein ca. 140-köpfiges Ensemble zu finanzieren, und öffentliche
Fördergelder flossen spärlicher. Waren viele der Reisen des
Chores vorher noch mit großzügiger Unterstützung des
Auswärtigen Amtes zustande gekommen, so musste man nun versuchen,
die Unkosten aus eigenen Mitteln beziehungsweise mit Hilfe der Eintrittsgelder
zu decken. Dennoch blieb der Chor im internationalen Geschäft,
und auch die Bach-Feste in München waren weiterhin Anziehungspunkte
für die Besucher, von denen nicht wenige eigens zu diesem Anlass
nach München reisten.
In seinen letzten Lebensjahren widmete sich Karl Richter zunehmend
auch der großen Sinfonik und der Oper, vorrangig in München,
Wien und Buenos Aires. Nach einer kurzen Phase eingeschränkter
Tätigkeit, bedingt durch gesundheitliche Probleme und die Verlegung
seines Hauptwohnsitzes in die Schweiz, widmete er sich wieder besonders
intensiv der Arbeit mit „seinem“ Chor und reiste regelmäßig
nach München, um die Mehrzahl der Proben selbst halten zu können.
1979 nahm er die “Matthäus-Passion“ nochmals für
die Deutsche Grammophon auf. Im Jahr 1980 entstanden neue Planungen
für große Projekte, unter anderem für eine dreiwöchige
Tournee durch Japan, die im Mai 1981 stattfinden sollte.
Der Münchener Bach-Chor nach Karl Richters Tod (1981-1984)
Am 15. Februar 1981 erlag Karl Richter in seinem Münchner Hotelzimmer
einem Herzinfarkt. Mit seinem Tod zerbrach die einzigartige Symbiose,
die über Jahrzehnte das Miteinander von Bach-Chor, Bach-Orchester
und Dirigent geprägt hatte. Für den Chor stellte sich ebenso
wie für die Fachwelt und das Publikum die Frage nach der Zukunft
des Chores ohne seinen legendären Gründer. Schnell einigte
man sich jedoch intern darauf, den Versuch eines Neuanfangs zu wagen
und den Chor langfristig in eine Tradition zu überführen,
die unabhängig von der Person des jeweiligen Künstlerischen
Leiters Bestand haben würde.
Die Suche nach einem geeigneten Nachfolger gestaltete sich schwierig.
Glücklicherweise fand sich in Ekkehard Tietze, der dem Chor auch
von der DDR aus seit dem ersten gemeinsamen Konzert in Ansbach 1964
stets verbunden geblieben war, sofort ein geeigneter Interimsleiter.
Tietze, 1914 in Erlbach/Vogtland geboren, hatte seine musikalische
Ausbildung ebenfalls in Leipzig erhalten und war mit Karl Richter seit
dieser Zeit befreundet gewesen. 1958 hatte er bei Richters erster Plattenaufnahme
der „Matthäus-Passion“ schon als Organist mitgewirkt.
Von 1958 bis 1979 war er in Potsdam als leitender Kirchenmusiker tätig
und war nach seiner Pensionierung nach München übersiedelt,
wo er seitdem auch bei mehreren Konzerten des Bach-Chores an der Orgel
gesessen und für Karl Richter immer wieder Chorproben geleitet
hatte. Tietze dirigierte nun zunächst die offizielle Trauerfeier
für Karl Richter in der Markuskirche, bei der auch etliche ehemalige
Chormitglieder mitwirkten, und übernahm dann die regelmäßigen
Proben des Chores. Er bereitete den Chor auf die verschiedenen Gastdirigenten
vor, zuerst auf das gemeinsame Gedenkkonzert für Karl Richter
unter der Leitung von Leonard Bernstein im Mai 1981. In der Übergangszeit
leitete er jedoch auch zahlreiche Konzerte des Chores selbst, so u.a.
1981 die allen Beteiligten unvergessliche „Johannes-Passion“ im
Kongreßsaal des Deutschen Museums unmittelbar nach Karl Richters
Tod, das „Weihnachtsoratorium“ 1983, eine Anzahl von Motetten-Konzerten
und die Weihnachtsliederabende 1981,1982 und 1983.
Die kompetente, von jahrzehntelanger Erfahrung geprägte und selbstlos
bescheidene Leitung des Chores durch Ekkehard Tietze schuf dem Ensemble
erst den Raum, sich in Ruhe von der übermächtigen Gründerpersönlichkeit
Richters zu lösen und nach einem geeigneten Nachfolger und neuen
Wegen seiner Existenz zu suchen. Ab Sommer 1981 stand eine ganze Reihe
von Gastdirigenten vor dem Chor. Einige davon waren Gastdirigenten
im eigentlich Wortsinn, andere präsentierten sich als Kandidaten
für die Richter-Nachfolge. So konzertierte der Münchener
Bach-Chor zwischen 1981 und 1984 u.a. mit Rudolf Barshai, Wolfgang
Helbich, Diethard Hellmann, Laszlo Heltay, Wolfgang Gönnenwein,
Christian Kabitz, Arnold Mehl, Hans-Martin Rauch, Bernd Stegmann und
Gothart Stier, ohne daß sich jedoch schon eine konkrete Lösung
für die Nachfolgefrage abgezeichnet hätte. Im August 1983
war der Bach-Chor noch einmal bei der Bach-Woche Ansbach zu Gast. Die
bereits erwähnte Konzertreise nach Japan im Mai 1981 hatte Günter
Jena übernommen, der bei Karl Richter studiert hatte und nach
erfolgreichen Jahren in Würzburg damals als Kirchenmusiker an
St. Michaelis in Hamburg tätig war.
Bereits im Juli 1982 kam es zu einer Verpflichtung des damaligen Wuppertaler
Generalmusikdirektors Hanns-Martin Schneidt für ein Konzert mit
J. Haydns „Die Schöpfung“ in der Basilika Ottobeuren.
Bei einer weiteren Aufführung in Ottobeuren im Sommer 1983, diesmal
mit G.F. Händels „Der Messias“, bestätigte sich,
daß mit Hanns-Martin Schneidt, der zunächst keine Ambitionen
auf die Übernahme der Leitung gehabt hatte, der geeignete Nachfolger
für Karl Richter gefunden zu sein schien. Während der Proben
zu „Ein Deutsches Requiem“ von J. Brahms im November 1983
gab der Chor ein überwältigendes Votum für Hanns-Martin
Schneidt und damit für den Beginn von Vertragsgesprächen
ab. Nach langwierigen Verhandlungen konnte in der Zusammenarbeit des
Freistaates Bayern mit der Evangelisch-lutherischen Landeskirche eine
Sonderprofessur an der Münchner Musikhochschule geschaffen werden,
so daß der Berufung Schneidts nach München nichts mehr im
Weg stand. Bereits ab Herbst 1983 hatte Hanns-Martin Schneidt alle
großen Konzerte des Chores selbst geleitet, im November 1984
wurde er definitiv zum neuen Künstlerischen Leiter bestellt und
der Öffentlichkeit vorgestellt.
Die Ära Schneidt (1984-2001)
Mit Hanns-Martin Schneidt konnte der Münchener Bach-Chor eine
Musikerpersönlichkeit verpflichten, die ideale Voraussetzungen
für die künftige Arbeit des Ensembles mitbrachte. Wie Richter
aus einer Pfarrersfamilie stammend, hatte der 1930 in Kitzingen am
Main geborene Schneidt entscheidende musikalische Prägungen während
seiner Zeit im Leipziger Thomanerchor (1940-1945) erfahren. Wichtige
Stationen für den Kirchenmusiker waren München und (seit
1955) Berlin. Nach einem ersten, sehr erfolgreichen Konzert mit den
Berliner Philharmonikern im Jahr 1960 hatte sich Schneidt neben seiner
kirchenmusikalischen Tätigkeit zunehmend der großen Sinfonik
sowie der Oper gewidmet. Von 1963 bis 1985 wirkte er als Generalmusikdirektor
(und später auch musikalischer Chef der Oper) in Wuppertal, wo
er 1985, schon von München aus, noch die langfristig angelegte
Produktion von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ mit
der „Götterdämmerung“ zu Ende brachte.
Hanns-Martin Schneidt bot dem Chor die Gewißheit, daß die
von Karl Richter angelegte Arbeit im Sinne der großen Tradition
des Kirchenmusikalischen Instituts in Leipzig fortgeführt werden
würde. Es war ihm eine Selbstverständlichkeit, die großen
Aufführungen von Bachs Werken in alter Kapellmeistermanier vom
Cembalo aus zu leiten. Etliche Jahre lang spielte er, wie einst Richter,
außerdem selbst in den Motettenkonzerten große Orgelwerke.
Bei der Konzeption der Programme des Chores, insbesondere der Motettenprogramme,
standen für ihn vorrangig inhaltliche und liturgische Überlegungen
im Vordergrund. Für Schneidt war seine Arbeit mit dem Bach-Chor
in erster Linie eine der wichtigsten Formen geistlicher Verkündigung
in einer schnellebigen Zeit. Musik als pures „L’Art pour
l’art“ und jegliche äußere Effekthascherei lehnte
er vehement ab, bisweilen ohne Rücksicht auf eigene Interessen.
Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen – brachte er
als versierter Opern- und Orchesterdirigent neue musikalische Impulse
in seine Arbeit mit dem Chor ein, die sich mit seiner eigentlichen
musikalischen Heimat zu einer glücklichen Symbiose verbanden,
wie eine Kritikerin 1986 feststellte: „Als Sternstunde wird die
Aufführung von Verdis „Messa da Requiem“ in die Annalen
des Münchener Bach-Chores eingehen, und ohne Zweifel hat Hanns-Martin
Schneidt hiermit einen Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Aufs
Glücklichste verband sich hier die Erfahrung des Operndirigenten
mit der des Bach- und Schütz-Erprobten: so neu, als habe man sie
noch nie vernommen, teilte sich diese umstrittene Totenmesse mit.“ (Ursula
Hübner, Münchner Merkur)
Unter der Leitung von Hanns-Martin Schneidt veränderte sich der
Klang des Chores: War der frühe Bach-Chor oft wegen seines direkten,
klaren, stellenweise an einen Knabenchor erinnernden Klangcharakters
gerühmt worden, so setzte Schneidt ganz auf die Erziehung zu einem
weichen, vollen Klang, in dem immer die Interpretation vom gesungenen
Wort her im Vordergrund stand. In den Jahren nach der Bestellung des
neuen Künstlerischen Leiters erweiterte sich auch beständig
das Repertoire; in manchen Fällen wurden auch Werke wieder einstudiert,
die in der Frühzeit des Bach-Chores bereits regelmäßig
zur Aufführung gelangt waren. Neu hinzu kamen große romantische
Chorwerke wie Rossinis „Stabat Mater“, Verdis „Quattro
pezzi sacri“, „Te Deum“ und „Requiem“ von
Berlioz und Bruckners „Messe f-Moll“, aber auch wenig gespielte
barocke Werke wie Händels „Cäcilien-Ode“, und
zahlreiche Motetten aus der Zeit vor J. S. Bach und Werke des 20. Jahrhunderts.
Auch Carl Orffs „Carmina burana“ wurden vom Bach-Chor erstmals
in der Ära Schneidt aufgeführt.
Die Kontinuität des Übergangs von Richter zu Schneidt zeigte
sich auch darin, daß zahlreiche Orchestermusiker und eine Vielzahl
namhafter Solisten dem Chor auch in der neuen Phase seines Bestehens
die Treue hielten und regelmäßig mit dem Ensemble konzertierten.
Stellvertretend für das Bach-Orchester werden hier der Geiger
und Konzertmeister Kurt Guntner und der Solocellist Helmar Stiehler
genannt. Bei den Sängern waren Edith Mathis, Helen Donath, Hermann
Prey, Peter Schreier, Dietrich Fischer-Dieskau, Siegmund Nimsgern und
Julia Hamari, um nur einige von ihnen zu nennen, auch in der achtziger
und neunziger Jahren häufige und gern gesehene Konzertpartner
des Chores. Nicht zuletzt über seine Tätigkeit als Professor
an der Hochschule für Musik gelang es Hanns-Martin Schneidt aber
auch zusehends, junge, vielversprechende Solisten neu an den Chor zu
binden. So präsentierten sich z.B. Juliane Banse, Matthias Görne,
Simone Nold, Thomas Quasthoff und Dorothea Röschmann im Rahmen
eines Bach-Chor-Konzerts jeweils erstmalig dem Münchner Publikum.
Unter Schneidts Leitung konzertierte der Münchener Bach-Chor
auch wieder verstärkt auswärts, wo er in seiner neuen Formation
auf Begeisterung stieß, in der auch Erleichterung über den
erfolgreichen Fortbestand des Chores zu spüren war. So versah
der Mannheimer Morgen am 25.4.1988 eine Konzertkritik schlicht mit
dem Titel „Triumphale Wiederkehr“. Engagements führten
den Chor weiterhin zu den gewohnten Konzerten nach Ottobeuren (1985,1986,
1987, 1989, 1990, 1994, 1996, 1999), nach Italien (Rom 1989, Cremona
1994, Mailand 1996, Turin 1997, Toskana 1998 und 2000), nach
Spanien (Madrid 1989) und auf einige Konzertreisen innerhalb Deutschlands
mit den Schwerpunkten Leverkusen, Frankfurt, Mannheim und Düsseldorf.
Auch das Fernsehen interessierte sich wieder für den Chor: 1988
produzierte das ZDF ein geistliches Programm in St. Anna zu Augsburg,
1995 entstand eine Fernseh-Produktion der „Weihnachts-Historie“ von
Heinrich Schütz und 1998 nahm das Bayerische Fernsehen in der
restaurierten Allerheiligen-Hofkirche ein Programm u.a. mit Werken
von Schütz, Bach, Bruckner und Reger auf. Regelmäßige
Hörfunk-Produktionen und Konzertmitschnitte ergänzten die
Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk.
Wenn auch die Fülle der Konzertverpflichtungen mit derjenigen
in den großen Richter-Jahren nicht unmittelbar vergleichbar war,
so war doch das Pensum, das der Chor während einer Saison zu bewältigen
hatte, auch in der Ära Schneidt beachtlich. Das Jahresprogramm
1992 weist beispielsweise 12 Konzerte des Bach-Chores in München
auf, dazu kamen in diesem Jahr Konzertverpflichtungen beim Bodensee-Festival
in Konstanz, in Ottobeuren, in Mannheim, in Frankfurt und in Aufkirchen,
insgesamt etwa 20 Konzerte.
Trotz der programmatischen Kontinuität der Arbeit und der ungebrochenen
Aktivität und Wirkung des Münchener Bach-Chores fielen in
die Ära Schneidt tiefgreifende strukturelle und organisatorische
Veränderungen. Bereits Anfang der achtziger Jahre zeigte sich,
daß der bis dahin als eingetragener Verein eigenverantwortlich
und ohne regelmäßige Zuschüsse agierende Konzertveranstalter „Münchener
Bach-Chor“ aus eigener Kraft angesichts rapid steigender Veranstaltungskosten
und Künstlerhonorare in München dauerhaft nicht würde überleben
können. Zunehmend stellte jedes Konzert ein bedeutendes finanzielles
und damit existentielles Risiko für den Chor da, so daß sich
Programmgestaltung und Kalkulation mehr als vertretbar am erwarteten
Publikumszuspruch orientieren mußten. Dies schränkte die
künstlerische Freiheit des Chores und seines Leiters erheblich
ein.
In dieser Situation wurde 1987 auf Initiative von Prof. Dr. Theodor
Bücher der Förderkreis „Freunde des Münchener
Bach-Chores“ gegründet, der seither als eingetragener Verein
Privatpersonen und Firmen als Förderer des Chores vereint. Ergänzt
wurde der Förderkreis 1994 durch ein hochrangig besetztes Kuratorium,
dessen Vorsitz bis heute der Münchener Oberbürgermeister
Ude innehat, das aber darüber hinaus führende Persönlichkeiten
aus Wirtschaft, Politik und Kirche als Fürsprecher und Förderer
des Chores gewinnen konnte. Der neue Freundeskreis sicherte wiederholt
wichtige Vorhaben wie die auch unter Schneidts Leitung wieder in regelmäßigen
Abständen durchgeführten Münchener Bach-Feste (1988,1990,1992,1994,1996
und 2000). Auch der damalige Bundespräsident Johannes Rau, der
bereits anläßlich des 40-jährigen Jubiläums des
Chores 1994 ein Konzert in der Philharmonie besucht hatte, konnte als
Mitglied des Kuratorium gewonnen werden. Im Jahr 2000 ließ er
es sich nicht nehmen, zu Beginn des Bach-Fests in der Philharmonie
eine kurze Rede zu halten.
In die Ära Schneidt fiel schließlich auch die Einweihung
der neuen Philharmonie am Gasteig im Jahr 1985. Im Rahmen der Eröffnungskonzerte
führte der Chor in einer Gemeinschaftsproduktion mit den Münchner
Philharmonikern unter der Leitung von Hanns-Martin Schneidt Händels
Oratorium „Judas Maccabäus“ auf. Dennoch blieb der
Chor mit seinen großen Konzerten noch zwei weitere Jahre in seinem
angestammten Konzertsaal, dem Kongreßsaal des Deutschen Museums,
bis dessen Umbau schließlich den Umzug in die Philharmonie unumgänglich
machte.
Das Jahr 1997 brachte eine einschneidende Veränderung: Der Münchener
Bach-Chor gab seine von Beginn an gewahrte Eigenständigkeit als
Konzertveranstalter auf und wurde vom Veranstalter Tonicale verpflichtet.
Nunmehr wurden die Konzerte des Münchener Bach-Chores in dessen
Reihe der „Münchener Bach-Konzerte“ integriert. Für
den Bach-Chor war dies ein bedeutender Schritt, der einserseits eine
Einschränkung der gewohnten künstlerischen Gestaltungsfreiheit
bedeutete, andererseit aber die dauerhafte finanzielle Absicherung
seiner Konzerte.
Als Hanns-Martin Schneidt nach 17 Jahren der erfolgreichen Zusammenarbeit
das Amt des Künstlerischen Leiters des Chores abgab, hatte er
viel erreicht: Der Münchener Bach-Chor war aus einer Ausnahmesituation
in eine stabile Tradition überführt worden und so eine feste
Größe im deutschen Musikleben geblieben. Etliche Konzertmitschnitte
und mehrere CD-Produktionen spiegeln eindrücklich das hohe Niveau
des Chores in diesen Jahren wider. Für seine Arbeit mit dem Chor
wurde Hanns-Martin Schneidt mehrfach ausgezeichnet, so mit der Medaille „München
leuchtet“, dem Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden.
Der Münchener Bach-Chor selbst wurde in dieser Zeit u.a. mit dem
Preis der Bayerischen Volksstiftung beim Verfassungstag 1988 und dem
Stiftungspreis der „Bücher-Dieckmeyer-Stiftung zur Förderung
der Kirchenmusik in Bayern“ gewürdigt.
Der
Münchener Bach-Chor heute
Nach Schneidts Abschied im April 2001 übernahm
der junge Dirigent Philipp Amelung (ehemaliges Mitglied und Solist
des Tölzer Knabenchors)
kommissarisch die Leitung des Ensembles. Er bereitete den Chor auf
Konzerte mit Gastdirigenten vor und dirigierte häufig auch selbst
Aufführungen des Bach-Chores in der Markuskirche sowie bei traditionellen
auswärtigen Verpflichtungen wie dem jährlichen Vorweihnachts-Benefiz-Konzert
in der Wallfahrtskirche Aufkirchen.
Seit Sommer 2001 hat der Chor mit verschiedensten
Gastdirigenten zusammengearbeitet, darunter Hansjörg Albrecht,
Oleg Caetani, Christian Kabitz, Gilbert Levine, Ralf Otto, Peter Schreier,
Bruno Weil und Stefan Weiler. Internationale Beachtung erfuhr der Chor
vor allem bei einem Gedenkkonzert für
die Opfer des 11. September 2001 mit „Ein Deutsches Requiem“ von
Johannes Brahms, zu dem er 2002 nach Krakau/Polen eingeladen worden
war. Das Konzert wurde in einer Direktübertragung vom Polnischen
Fernsehen in Europa und auch in Amerika ausgestrahlt und wenige
Wochen später vom WDR in Deutschland noch einmal gesendet. Gastspielverpflichtungen
führten den Chor in der letzten Zeit außerdem nach Chemnitz,
nach Düsseldorf, Frankfurt, Mannheim und zum Festival de Pollença
nach Mallorca. Im Leiter des Bachchors Mainz, Professor Ralf Otto,
hatte der Chor zunächst seinen Wunschkandidaten für die Nachfolge
von Professor Schneidt gesehen. Die Verhandlungen um eine Berufung
Ottos auf eine Professur in München blieben jedoch erfolglos.
Nach einer Reihe anspruchsvoller Konzerte, darunter einem Abend mit
Bach-Kantaten, entschlossen sich die Chormitglieder im Februar 2005
dazu, Hansjörg Albrecht zum neuen Künstlerischen Leiter zu
berufen. Der Organist und Dirigent aus Freiberg in Sachsen stammend,
war ursprünglich auf Empfehlung von Peter Schreier zu einem Gastdirigat
eingeladen worden und hatte 2002 das tradionelle Motetten-Konzert zu
Bachs Todestag geleitet. Seit Herbst 2005 ist Albrecht damit der dritte
Künstlerische Leiter des Bach-Chors. Seine Arbeit ist geprägt
durch eine ungewöhnliche und mutige Programmatik der Konzerte,
durch Barock-Aufführungen, die der historischen Aufführungspraxis
nahestehen, durch eine musikalische Arbeit, die die Neugier des Chores
immer aufs Neue fordert. In der Presse wird der Aufbruch zu „neuen
Ufern“ einhellig gefeiert. Erste Auslands-Engagements führten
den Chor unter Hansjörg Albrecht jeweils mit der Matthäus-Passion
nach Turin (Festival Settembre Musica), nach Danzig und nach Warschau.
2007 gastierte der Chor mit dem gleichen Werk unter der Leitung von
Günter Jena bei den Festspielen in Oberammergau, zusammen mit
dem Hamburg Ballett mit einer Choreographie, Inszenierung und Ausstattung
von John Neumeier.
Vieles an der Struktur des Bach-Chores ist von 1954
bis heute gleich geblieben: Nach wie vor ist der Chor ein reines Laienensemble,
dessen Mitglieder in der Ausbildung sind oder den verschiedensten Berufen
nachgehen. Auch heute noch wird zweimal wöchentlich, meist in
der Münchner Musikhochschule, geprobt. Jeder neue Anwärter
kommt über ein Vorsingen in den Chor. Bei Karl Richter wurden
der Stimmumfang und die Modulationsfähigkeit der Stimme geprüft,
dann folgte in der Regel der Choral „Lobe den Herren, den mächtigen
König der Ehren“ und häufig die Frage: „Haben
Sie ein schwarzes Kleid/einen schwarzen Anzug?“. Damals wir heute
ist entscheidend, dass große, gängige Chorwerke zügig
und professionell einstudiert werden können. Der Chor hat in den
letzten Jahren viele engagierte junge Mitglieder aufnehmen können.
Zugleich hat mit dem langjährigen Chorvorstand Heinrich Geierstanger
im Herbst 2003 das letzte aktive Gründungsmitglied den Chor verlassen.
Die Neuorientierung bedingt eine veränderte künstlerische
Ausrichtung: In zahlreichen Motettenkonzerten führte der Chor
in der jüngsten Zeit Werke von Komponisten auf, die bis dahin
im Programmkonzept des Bach-Chores noch nie eine Rolle gespielt haben,
wie die Passionsmotetten oder die „Messe“ von Francis Poulenc.
2003 hat der Chor (unter Ralf Otto) zudem auch erstmalig ein Konzert
mit weltlichen Bach-Kantaten in historischer Aufführungspraxis
gegeben, bei dem das Orchester auf Originalinstrumenten musizierte.
Brittens „War Requiem“ (ebenfalls unter Ralf Otto), Poulencs „Gloria“ und
sein „Stabat Mater“, Maurice Duruflés „Requiem“, „A
Sea Symphony“ von Ralph Vaughan Williams, zuletzt „König
David“ von Arthur Honegger (2008 in Mannheim) und eine konzertante
Aufführung der „Iphigenie auf Tauris“ von Christoph
Willibald Gluck (alle unter Hansjörg Albrecht) haben neben einer
neuen Sicht der angestammten Werke die Flexibiliät des Chors unter
Beweis gestellt.
Andrea Bliese hat diesen Text ursprünglich für das Jubiläums-Programmheft
92/2004 geschrieben. Er wurde im Februar 2008 von Klaus Stadler durchgesehen,
aktualisiert und ergänzt. |